Von Anderswo ein Glanz
Nachruf für Hans Günter Saul


"Ach, die Freunde 'verreisen', einer nach dem anderen..."
Die schweizerische Benediktinerin Chantal Hug schrieb diesen Salz wenige Tage nach Epiphanias - im Gedenken an Hans Günter Saul. den "Priester, Dichter und Freund". Vielen Menschen hatte er nahegestanden - auch etlichen Schwestern und Brüdern, die ihm irgendwann auf dem Kirchberg, in Borchen oder in Schwäbisch Gmünd begegnet waren. In Hennef, unweit von Köln, wurde er 1927 geboren, in Rösrath Kleineichen endete sein Erdenweg am 3. Januar 2015. Knapp 20 km trennen beide Orte, doch sie stecken ein Leben ab, das zunächst in einem "behüteten, bürgerlich und religiös bestimmten Zuhause" sein Fundament zu haben schien (so eine Notiz im Tagebuch),dann aber auf besondere Weise Grenzen überwand und neue Räume öffnete: "katholisch" im genauen Wortsinn und also immer wieder dem "Ganzen" nachspürend.
Ins Ende der Schulzeit Sauls fiel die Einberufung als Luftwaffenhelfer, sofort danach der Arbeitsdienst im emsländischen Moor und zugleich die Entscheidung für den Pfarrerberuf. Stand hinter seinem Entschluß auch der aus nächster Nähe miterlebte Flugzeugabsturz eines nur wenig älteren Kameraden im Sommer 1944?
Einige Stationen des Weges von Hans Günter Saul seien nur an gedeutet: Kaplan in Lechenich und Köln, Gemeindepfarrer in Bergisch Born und Rüngsdorf, und schließlich Subsidiar in Rösrath Kleineichen. Daneben immer wieder Reisen - u.a. nach Bolivien, Griechenland, Italien, Israel, Kenia, Pakistan, Portugal, Rumänien, Rußland - Einladungen von Freunden folgend oder neue Freundschaften anknüpfend, vor allem aber auch zu Gastvorlesungen und - gefördert durch Kardinal Höffner - zu Lehraufträgen an der katholischen und der staatlichen Universität von Santiago de Chile. Die Veränderungen in der römisch-katholischen Kirche, die starken Impulse, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil und von Johannes XXIII ausgingen, weckten nicht nur bei jüngeren Pfarrern und engagierten Gemeindegliedern die Bereitschaft, kreativ bei der Gestaltung erneuerter Gottesdienstformen mitzutun. Hans Günter Saul selbst - damals Sprecher der Solidaritätsgruppe katholischer Priester - setzte sich für die "Vermenschlichung" der Kirche und der liturgischen Sprache ein, nahm Anregungen holländischer Reformer auf und regte manches an, was auch bei evangelischen Christen ein Echo fand.
Ich denke an die "Fürbitten und Kanongebete", die Alfred Schilling herausgegeben und an denen Saul mitgearbeitet hatte. Es waren eben diese Entwürfe, die uns - beispielsweise in den Gottesdiensten der Lüneburger Studentengemeinde - halfen, einander "die Botschaft des Menschensohns lebendig und verständlich zu erhalten", jene Botschaft, die dazu anleiten will, uns "als Schüler Jesu von Nazareth" im Leben und Sterben dem Vater Jesu Christi anzuvertrauen. (Piet T. Vlaar)
Dies alles trug Früchte in einem Bereich, der für den Seelsorger und Theologen Saul zu einem wesentlichen Inhalt seines geistigen und geistlichen Lebens wurde. ZU erinnern ist nicht nur an die Briefe, mit denen er sich - gerade in der Weihnachtszeit - an Freunde und Weggefährten wandte, an die Texte aus seinen "Fahrtenbüchern" und an seine Betrachtungen von "schönen und heiligen Dingen in Literatur und Brauchtum". Kleinodien ganz besonderer Art waren, nein: sind die sieben Gedichtbände, die in behutsamer und bildstarker Sprache menschliche Grunderfahrungen als Ausdruck eines gelebten, auch heute lebbaren Glaubens erschließen. Eine Sendung des Hessischen Rundfunks (Gespräch mit Michaela Pilters, ausgestrahlt am 2.November 1984) hat Sauls Lyrik einem größeren Hörerkreis nahegebracht. Was sich darin artikuliert, darf, denke ich, am ehesten als Wegmarkierung in Richtung auf eine poetische Spiritualität, auf eine spirituelle Poesie hin beschrieben werden. In Anlehnung an Paul Celan wendet sich H.G. Saul gegen Versuche, Gedichte zu "erklären. Man müsse die "Sprache eines Bildes, eines Bildwortes, erlernen... vor allem durch Stillwerden und ganz hingewandtes Hinschauen" - ich ergänze: durch Hinhören und im inneren Zwiegespräch mit dem Autor wie mit den "Bildern" in seinen Versen.
Auf dem angedeuteten Hintergrund seien an dieser Stelle zwei lyrische Texte von Hans Günter Saul in den Nachruf einbezogen. Der erste ist entnommen dem Band "Am dritten Ufer" (Limburg 1983):

So wie als Kind

Mich
ängstigt nicht
die Nacht,
der Wind
und das Geräusch
der Stadt,
solange nur
die Tür
hinaus zum Flur
und auf den Gang
zu dir
noch
eine Handbreit
offen steht
und angelehnt ist
an dein Licht.

Das zweite, fast befremdlich anmutende Gedicht findet sich in der zwei Jahre vorher erschienenen Sammlung "Unter der Rose gesagt". Es nimmt das Wort aus 2.Kor 12,9 auf, das von der Pfarrgemeinde, von der Familie und dem Freundeskreis über die Todesanzeige gestellt wurde. Fridolin Stier übersetzt wörtlich: "Du hast genug an meiner Gnade; denn die Kraft (Gottes) kommt in Schwachheit zum Ziel."

Virtus in infirmitate

Ich
wende mich
dir zu,
so zärtlich
wie der Wind.

In meiner Blöße
liegt
mein einziges
Geschenk.

Spricht hier ein Liebender? Spricht hier das Kind in der Krippe von Bethlehem? Oder ER selbst?

Hans Günter Sauls letzter Rundbrief (er schrieb ihn im Advent 2014) enthielt das Bild eines Engels mit dem Schriftband aus Jes 7,14 - die Hoffnungsvision von "Nähe und fortwährender Ankunft", wie Saul die Worte des Propheten paraphrasiert: ICH BIN IMMER UND ÜBERALL ZUGEGEN, DER GANZ UND GAR NAHE...
Solch eine Hoffnung schließt die Erfahrung ein, daß das, was uns trägt, nicht von uns selber ausgeht; Es müsse "von anderswo ein Glanz, ein Schein in diese Nacht um mich gekommen sein", der unsern Weg erhellen kann. Auch heute. Und mitten in der Welt, die wir täglich um uns (und in uns) wahrnehmen.



Nachruf von Herrn Prof. Heinz Grosch, Aichwald